Erster Blog-Beitrag - Mathilda Herr - Jahrgang 12

Montag, 06.04.2020
Der Wecker klingelt. Es ist acht Uhr. Zwei Sonnenstrahlen haben sich ins Zimmer geschlichen, kriechen über meine Bettdecke, ziehen sie zur Seite, sodass ich mich einen Moment später ans Fenster gestolpert sehe, nun hinausblickend in den erwachenden Morgen.
Es ist Montag,

die vierte Woche hat begonnen. Nicht, dass ich die Tage zählen würde mit krummen Strichen an der Wand, um mich an das gute Früher oder die Zivilisation von Einst zu erinnern. Obwohl es doch den Anschein haben kann, denn ich bekomme das Gefühl nicht abgeschüttelt, ich sei Teil einer postapokalyptischen Welt und mein Beitrag zum Erhalt der Menschheit bestehe nun darin, immer lieb und brav Zuhause zu bleiben und meine Lunge zu hüten. Und dabei scheint beim Blick aus dem Fenster in die friedliche Welt alles wie immer.
Auf dem Weg in die Küche komme ich an meinem Wochenplan vorbei, ein Überbleibsel meines verzweifelten Versuchs der Selbststrukturierung. Heute ist Englisch dran. Die Textbuchaufgaben blicken mir einladend entgegen. Und ich weiß nur zu antworten: „Später.“
Was folgt ist die über die letzten Wochen eingeübte Routine: Eine halbe Stunde Frühstück, dann lesen bis um neun, darauf folgt Anziehen, ausgiebige Badezimmernutzung, Zimmer aufräumen (ich habe in meinem Leben noch nie so häufig mein Zimmer aufgeräumt) und Bett machen. Zwanzig Minuten vor zehn blicke ich auf die Uhr, seufzend, denn die Stimme des pädagogischen Selbstzwangs diktiert: „Schulbildung wird stets als Letzte lachen, du musst dich an die Arbeit machen!“ Oder so ähnlich. Zur Ablenkung wird erst einmal Klavier gespielt. Eine gute Balance zwischen Pflicht und Vergnügen. Man fühlt sich nicht schuldig, die anstehenden Aufgaben zu ignorieren und sich in ein angenehmes Prokratsionationsbad zu setzen, da der innere Schweinehund festgestellt hat, Klavier spielen fördert ja auch die Synapsenbildung und darum geht es doch schließlich, oder? Obwohl ich mich im Mathe-Abitur wohl schlecht ans Klavier setzen und das als valide Alternative werde präsentieren können: „Kommen Sie doch! Ich kann Ihnen auch die Wahrscheinlichkeit berechnen, ob ich eine der Tasten verfehlen werde!“
Nach dem Mittagessen mache ich los. Zuhause werde ich keinen Satz pädagogischen Esprits aufs Papier bringen können, zu viel Ablenkung, außerdem ist es wunderschönes Wetter. Ich schwinge mich also aufs Fahrrad und fahre zum Auensee.
Jetzt sitze ich am Flussufer und werfe einen Blick auf die bevölkerten Radwege. Mir ist aufgefallen, wie viele Menschen in dieser ungewöhnlichen Zeit das Joggen, das Skaten und Radfahren und sowieso sportliche Betätigungen für sich entdeckt haben. Zu jeder Tagesstunde kommt mir ein in Warnfarben gekleideter Läufer entgegen mit einer Geschwindigkeit, bei der man fast meinen müsste, er würde wortwörtlich vom Corona-Virus verfolgt. Wenn all das vorbei ist (ein bei uns oft geäußerter Satz), dann wird Deutschland fit sein wie ein Turnschuh. Sowieso wird vieles anderes sein, davon bin ich überzeugt. Unser Solidaritätsverständnis hat sich bereits verändert, der Blick auf unsere Mitmenschen auch.
Es ist komisch. Ich bin kein Mensch, der viel ausgeht. Doch nun ist es so, dass ich mich jeden Tag auf Neue nach meinen Freunden und Vertrauten sehne. Einfach weil die Möglichkeit eines spontanen Treffens nicht mehr da ist. So ähnlich verhält es sich ja auch mit dem Klopapier (das war ein Analogiesprung, den selbst ich nicht vorhergesehen habe). Niemand braucht hunderte Packungen, doch das Wissen, dass die gewöhnte Unendlichkeit unseres Produkterwerbs sich in diesen Zeiten als Illusion herausgestellt hat, drängt uns den Zwang auf, möglichst viel möglichst schnell zu besitzen. Auch wieder ein Beweis dafür, dass Corona es schafft, bisher noch unbekannte Mentalitäten und Prioritäten aus den Menschen heraus zu kitzeln.
Ich werde nun endlich meine Englisch-Aufgaben machen. Außer Vogelgezwitscher, das Vorbeirauschen der Autos und das Summen der Fliegen gibt es hier nichts, was mich ablenkt.
Während ich über den Aufgaben hocke, sehe ich fast das Gesicht meiner Tutorin vor mir. Wie viele Stichpunkte würden ihr reichen? Diese Frage ist vielleicht der falsche Ansatz, insbesondere, da sie meine schriftlichen Ausführungen wohl nie zu Gesicht bekommen wird.
Ich habe jetzt Lust auf einen Tee und sowieso werde ich den schwirrenden Insekten um meinen Kopf langsam überdrüssig. Also erledige ich schnell den Rest der Aufgaben, packe nun linguistisch weitergebildet mein Zeug zusammen, haste zum Fahrrad und steige auf. Ich wähle den Rückweg durch den Wald und erfreue mich an der aufblühenden Natur, die mir grün überall entgegen sprießt. Zuhause angekommen werfe ich den Rucksack aufs Bett und hake zufrieden die heutige To-Do-Liste ab. Ich weiß, dass der Preis der nachmittäglichen Freizeit, die ich seit einigen Tagen pflege, sich in den kommenden Wochen der Abiturvorbereitungen äußern wird. Aber was soll’s. Das Wasser kocht, ich seufze und gieße den Tee auf. Und es ist ja nicht so, als stünde ab vier mein Gehirn auf Standby. Den verbleibenden Nachmittag verbringe ich zwischen Büchern, Zeichnungen und britischen Comedyshows bis das Abendbrot ansteht. Wir sitzen gemeinsam in der Küche. Das Tischgespräch schaukelt mit ruhiger Sicherheit auf das eine Thema zu.
Meine Eltern sind meine Newsletter. Ich informiere mich so gut wie gar nicht über den Stand des Corona-Virus. Die Fragen und Ungewissheiten sind trotzdem stets im Labyrinth meines Kopfes unterwegs und bestimmen die Zukunftsplanung bzw. die Unsicherheit dieser. Ich möchte nach der Schule ein Auslandsjahr machen. Doch wie kann ich britischen Büchereien Anfragen über meine mögliche Einstellung schreiben, wenn ich nicht einmal weiß, wann ich mein Abi mache oder die Grenzen geöffnet werden?
Meine tägliche Dosis an Information bekomme ich also beim abendlichen Tischgespräch mit meinen Eltern. Sie wissen Bescheid. Über den Stand in Italien, die Maßnahmen in Polen und Österreich, Corona-anfällige Blutgruppen… Nur bei der Dauer der Ausgangssperre gucken sie sich fragend an und zucken mit den Schultern. Wer weiß, sagen sie dann. Wer weiß, wann alles wieder so ist wie früher?
Und ich warte und bleibe lieber dem Jetzt zugewandt. Die Zukunft ist ungewiss, doch wenn ich eins gelernt habe in den letzten Wochen, ist, dass man sich die Gegenwart recht kuschelig einrichten kann.

Mathilda Herr
Schülerin Jahrgang 12 – Werner-Heisenberg-Gymnasium Leipzig

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